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Märchenkönige sterben nie

Verantwortlicher Autor: Sharon Oppenheimer Berlin, 10.04.2019, 08:08 Uhr
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Berlin [ENA] Auch nach über 130 Jahren gibt König Ludwig II. noch viele Rätsel auf und immer noch wird sein geheimnisvoller Tod im Starnberger See nicht nur in Bayern kontrovers diskutiert: war es ein Unfall, Selbstmord oder gar Mord? Kaum bekannt ist jedoch eine andere Seite des Monarchen: sein vorurteilsfreies Verhältnis zu Juden und seine Weigerung zum Antisemtismus zu konvertieren.

Zeugenaussagen, Tatortskizzen und Autopsieergebnisse geben nur bedingt eine befriedigende Erklärung. Wirklich sicher ist nur: drei Tage nach seiner Entmündigung und einen Tag nach seiner Festsetzung verlor der 40-jährige König am 13. Juni 1886 sein Leben im See. Seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert gilt Ludwig II. von Bayern, als der wahnsinnige König, der Märchenschlösser baute und einen immensen Schuldenberg anhäufte; er gilt als der Monarch, der die Macht verspielte und unter dem Bayern ein Teil des Deutschen Reiches unter preußischer Führung wurde. Die Nachwelt sah ihn als den royalen Sonderling, der in seiner Bauwut und Verschwendungssucht das Land verschuldete und deshalb abgesetzt wurde.

Wird dieses Bild dem "Mondkini", dem Mondkönig gerecht? Das Gutachten, dass ihn aufgrund von Zeugenaussagen und ohne persönliche Untersuchung für „unheilbar krank“ und „regierungsunfähig auf Lebenszeit“ attestierte, ist längst unhaltbar geworden. Und wen stört es heute noch, dass man ihm homosexuelle Neigungen nachsagte? Die Bauprojekte wurden von ihm aus seiner Privatschatulle finanziert - allerdings bürgte das Königreich für ihn. Sein Märchenschloss Neuschwanstein ist heute so berühmt, wie die Pyramiden von Gizeh und zieht jährlich mehr als 1,3 Millionen Besucher an. Ludwig war ein intelligenter, weltoffener Mann, der einen Weitblick für technische Neuerungen besaß und die schönen Künste förderte.

Das weltweit erste Elektrizitätswerk befand sich auf Schloss Linderhof und sein Nymphenschlitten zählt als das erste elektrisch beleuchtete Fahrzeug der Welt. Auf Schloss Neuschwanstein ließ er das erste Telefon des Erfinders Philipp Reis im Königreich installieren, Jahre bevor das Telefon offiziell durch Bell erfunden wurde. Er stellte z.B. Gelder für die Entwicklung der Luftfahrt bereit, auf seine Anweisung wurde der Farbstoff Indigo erstmals künstlich entwickelt, er gründete die „Polytechnische Schule München“ mit Hochschulstatus und vieles mehr.

Der König, der nie Krieg führen wollte, wurde in zwei Kriege hineingezogen - gegen Preußen auf der Seite Österreichs und später als Verbündeter Preußens gegen sein Traumland Frankreich. In seine Regierungszeit fiel die Gründung von Bismarcks Deutschem Reich aus Blut und Eisen. Sein Königreich stand von allen souveränen Staaten der deutschen Einheit am stärksten ablehnend gegenüber. Ludwig II. war auf Eigenständigkeit und Unabhängigkeit bedacht. Er hatte sich vom preußischen König Wilhelm brieflich zusichern lassen, die Selbstständigkeit und Integrität des Königreich Bayerns zu wahren. Die Proklamation des Deutschen Reiches 1871 im Spiegelsaal von Versailles fand ohne ihn statt.

Er schickte Bruder Otto und Onkel Luitpold. „Ach Ludwig, ich kann Dir gar nicht beschreiben wie unendlich weh und schmerzlich es mir während jener Zeremonie zumute war, schrieb ihm sein Bruder, „ alles so kalt, so stolz, so glänzend, so prunkend und großtuerisch und herzlos und leer.“ Bayern war nicht preußisch-liberal; es gab keine Großgrundbesitzer, und das preußische Modell konnte nicht gut funktionieren. Die Bayern waren fromme Kleinsiedler, die zu ihrem Herrgott schrieen - und das tat ihr König auch. Entgegen aller Unkenrufe übte Ludwig seine Amtsgeschäfte trotz oftmaliger Abwesenheit fast bis zum Ende gewissenhaft aus.

Anfragen und Dokumente wurden von Ludwig oft mit Anmerkungen und Empfehlungen versehen; auch Ernennungen oder Gnadengesuche überprüfte er sorgfältig. In den letzten Lebensjahren zog sich der scheue König zunehmend aus der Öffentlichkeit zurück in die Einsamkeit der bayerischen Alpen. In seiner Berghütte am Schachen, auch Jagdschlösschen am Schachen genannt (obwohl Ludwig die Jagd hasste) richtete er sich ein maurisches Zimmer ein, in dem er so allerlei Drogen konsumierte. Seine stärkste Droge war allerdings die Musik Richard Wagners. Dennoch: schon in jungen Jahren wies er Wagners judenfeindliche Ressentiments zurück.

Für Wagner muss es eine herbe Enttäuschung gewesen sein, dass Ludwig sich gegen seine antijüdischen Ansichten verwahrte, und sich auch in aller Öffentlichkeit für die Gleichberechtigung der Juden in seinem Königreich einsetzte. Kaum bekannt ist, dass Ludwig II. einer der wenigen Herrscher seiner Zeit war, der sich offen gegen den sich ausbreitenden Antisemitismus wandte. 1893 zitierte Karl von Heigel die heftige Reaktion des Königs auf antisemitische Presseberichte: „Weiß man denn nicht, dass ich der einzige Fürst bin, der seiner Regierung sogleich beim Beginn der antisemitischen Bewegung die strengsten Maßregeln gegen dieselben befohlen (habe)?“

1881 bat Richard Wagner für die Uraufführung des Parsifal in Bayreuth um das Orchester des Königs, jedoch ohne dessen Dirigenten und Hofkapellmeister Hermann Levi – der war nämlich Jude. Der König war sehr ungehalten über die Forderung und Wagner knickte ein. Später schrieb der Bayernkönig an den Komponisten: „Dass Sie, geliebter Freund, keinen Unterschied zwischen Christen und Juden bei der Aufführung Ihres großen heiligen Werkes machen, ist sehr gut. Nichts ist widerlicher, unerquicklicher als solche Streitigkeiten: die Menschen sind ja im Grunde genommen alle Brüder, trotz konfessioneller Unterschiede!“

Bayerns Monarch setzte auch Zeichen in seiner Hauptstadt München, als 1882 auf sein Betreiben der jüdischen Gemeinde ein Grundstück gegenüber der Maxburg für den Neubau der Hauptsynagoge zum ermäßigten Preis verkauft wurde. Wenig Dokumente sind zu Ludwigs Einstellung gegenüber Juden erhalten geblieben, deshalb sind die Worte seiner Zeitgenossen umso wichtiger. Die Reden von Dr. Joseph Perles, Rabbiner zu München oder von Dr. Landsberg, Bezirksrabbiner von Kaiserslautern nach dem tragischen Tod des Bayernkönigs zeugen nicht nur von tiefer Trauer um den Herrscher, sondern auch von großer Dankbarkeit für seinen Mut der antisemitischen Bewegung entgegen zu treten.

Wohin der Judenhass führte, wissen wir alle. Das Monster des Antisemtismus weilt immer noch unter uns. Es war nie verschwunden. Nur das Ausmaß und die Intensität des Antisemitismus in Europa haben sich verändert. Vielleicht ist es deshalb der Zeit, ein neues Kapitel über den Märchenkönig zu schreiben und zu beleuchten - der König, der neue Maßstäbe für Toleranz und Menschlichkeit setzte.

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